Montag, November 29, 2004

Bayern kann auch anders

Hier kommt mein neues Lieblingszitat. Es hat mir die Woche gerettet und das war wirklich schwer.
Ludwig Stiegler, stv. Fraktionsvorsitzender der SPD zu den Vorschlägen von Müntefehring und Stoiber, Einwanderer sollten einen Eid auf die Verfassung ablegen [link]:

"Was man vom Eid auf das Grundgesetz halten kann, sieht man bei Helmut Kohl."

Treffer. Versenkt.

Dienstag, November 23, 2004

Schade Oskar, alles ist vorbei, alles ist vorbei... Schallala...

Ich habe 11 Jahre meines Lebens in der SPD verbracht. Die meiste Zeit davon in innerer Opposition. Eigentlich hat es nur 2 Tage gegeben, an denen ich gerne Sozialdemokrat war. Der erste war die Nacht des 27. September 1998, der Tag der Bundestagswahl. Das erste mal war ich auf einer SPD Wahlparty und dann um 18:00 Uhr war klar: Kohl ist weg. Was habe ich mich frei gefühlt. Nun gut, ich war jung und betrunken. Und ich erinnere mich auch an nicht mehr viel sonst, außer daß irgendwann der Geyer Sturzflug Song: "Eins kann uns keiner nehmen, und das ist die pure Lust am Leben..." kam. Damals war mir noch nicht was für ein passendes Motto dies eigentlich für die Jahre und Schröder gewesen wär. Andererseits, wirklich viel Lust ist auch nicht mehr da. Und das verflixte 7. Jahr kommt erst noch! Wird hans Eichel Schleswig wieder an die Dänen verkaufen? Wir werden sehen.

Der andere gute Tag war als Rudolf Scharping in Mannheim weggeputscht wurde. Nicht durch eine Intrige, sondern durch einen spontanen Volksaufstand. Die Sozialdemokraten haben noch nie eine Vorsitzenden abgewählt. Gestürzt schon, aber noch nie abgewählt. Sie haben mit zwei-drittel Mehrheit erst noch die Geschäftsordnung geändert und dann - zack - weg mit Rudi. Der hat das all die Jahre nie verstanden bis er im Pool unterging. Ich habe ein Rudolf Scharping Autogramm: Es ist auf dem Deckblatt einer Reclam Ausgabe von Molières "Der eingebildete Kranke". Auch dies irgendwie passend.

Als Bernd Telm, Delegierter des Unterbezirks Helmstedt und Chef der Zählkommission 1, das Ergebnis verkündete (und er war später immer sehr stolz darauf - ich denke, er wußte, mehr würde er im Leben nicht erreichen), war Oskar Lafontaine Parteivorsitzender. Oskar, der Held meiner politischen Kindheit, der denken und sprechen konnte. Als die weiße Frau ihn mit dem Messer attackierte habe ich vor dem Radio gewartet, ob er überlebt. Er hatte große Reden gehalten und er hatte Recht bei der Einheit gehabt. Man darf das nie vergessen: 1990 war die BRD reif für Lafontaine-Fischer. Dann kamen 16 Millionen Konservative hinzu. Vorbei, vergessen, fragt Horst Köhler wie es dazu kam, er war der Finanzstaatssekretär.

Oskar hat sich bis 1999 gut gehalten und ist dann aus dem Amt gemobbt worden. Er ging beleidigt ab und hinter ihm konnte die kleine Linke in der SPD, die er sich zur Zierde gehalten hatte abgeschliffen werden. Andrea Nahles wartet bis heute darauf, wieder in den Bundestag zu kommen. Sie macht jetzt die Bürgerversicherung für die SPD, weswegen man sich sicher sein kann, daß diese nicht kommt.

Sei's drum. Oskar diskutiert gerade aud N3 mit Kubicki, dem FDP Chef von Schleswig-Holstein, der eine etwas dubiose Vergangenheit im Zusammenhang mit Müllkippen in Mecklenburg hat. Es geht um den Fall Daschler.

Oskar Lafontaine hat gerade gesagt, natürlich dürfe der Staat foltern, wenn es um das Leben eines Kindes ginge, im Zweifel bis zum Tod des Beschuldigten. Das sei alles wie Notwehr. Wie bitte, Oskar? Foltern für Kinder?

Wo leben wir denn. Natürlich ist die erste Reaktion aller mitfühlenden Menschen, daß alles, aber auch wirklich alles für die Kinder getan werden muß, die entführt werden. Und das ist genau der Grund, warum alle Angehörigen und mitfühlenden Menschen im Strafrecht und der Polizei nichts zu suchen haben. Aber so tief kann man fallen. Vom Vorzeigelinken, gegen den die Wirtschaftspresse Londons mobilmachte zum Provinzpopulisten mit dem schalen Geschmack verdorbenen saarländischen Weins. Weltökonom und Folterknecht: Er hat die Globalisierung falsch gedeutet.

Oskar - bitte merk es dir - die Polizei ist nicht die SPD. Ihr sind Grenzen des Blödsinns gesetzt.

Gute Nacht.

Montag, November 22, 2004

Gut, daß wir nicht in Bayern sind

München hat gewählt: Mit 50,9 Prozent der Stimmen haben sich die Bürgerinnen und Bürger der bayrischen Landehauptstadt dafür entschieden, daß kein neues Haus höher als 100m sein darf und somit die Frauenkirche nicht überragen darf. Damit verpaßten sie nicht nur allen im Rat vertretenen Parteien, sondern auch den potentiellen Bauherren, vor allem der Süddeutschen Zeitung, eine schallende Ohrfeige.

Dies ist ein Grund zu ungeteilter Freude: Zum einen hat es die Süddeutsche mal so richtig verdient. Nach der Einstellung der Jetzt-Jugendbeilage, dem Niedergang des SZ-Magazins zu einem mittelmäßigen Modejournal und der Aufblähung des Golf-Beilage, wäre die Errichtung eines Hochhause für diese Zeitung ein Hohn gewesen. Wenn, dann gehört diese Zeitung in eine Tiefgarage. Ich habe meinen Beitrag zum Konkurs meiner ehemaligen Lieblingszeitung geleistet: Ich habe heute endgültig mein ABO gekündigt, "adding injury to insult".

Zum anderen frage ich mich, ob wir nicht auch in Hannover ein paar Referenden gebrauchen könnten. Hier meine Vorschläge:

1. Kein Wohn- und Einkaufskomplex darf eine weniger großen Betonanteil haben als das Ihmezentrum.

2. Kein Hotel darf eine offenere Fassade haben als der Maritim-Bunker.

3. Keine unterirdische Passage darf breiter sein als die Passarelle.

4. Für die Architekten des Kröpke Centers wird die Todesstrafe wiedereingeführt. Im Zweifel auch posthum.

Noch ein Tip für alle Retro-Freunde. Mein neues Lieblings Café ist der Tschibo Laden am Raschplatz. Unten in der engen Passage die vom Hauptbahnhof Richtung Zaza führt. Gleich neben dem Antiquariat und dem Gothik-Modeladen: Es ist ein Tempel der 80ger!

Echte Stoffteppichtapeten und mit der Ladentheke ein Gesamtkunstwerk, wie man sich eine Kaffeeladen in einer Untergrundpassage vorstellt. Das Verwöhnaroma in Holz und Plastik. Keine Spur von Latte Macchiato, oder Milchkaffee: Da trinken die Untoten nachts noch Mokka.

Also hingehen, Streuselkuchen essen und von der Kindheit in Zeiten der Kohl-Ära träumen. Damals, als es Kaffee noch Kaffee, und Opel noch einen Rekord hatte und man Menschen noch daran unterscheiden konnte, ob sie für Michael Stich oder Boris Becker waren.

Eine schöne Woche!

Freitag, November 19, 2004

Ach Per....

Per Mertesacker ist ein großer Fußballer und nein, dies ist nicht allein eine weitere der gern gemachten Anspielungen auf seine 1,96m. Er ist ein fantastischer Abwehrspieler, der im Länderspiel gegen Kamerun 88 Prozent seiner Zweikämpfe gewann. Dies lag nicht allein daran, daß Kamerun eine ähnliche Geschlossenheit wie die Europäische Union in der Außen- und Sicherheitspolitik aufwies. Es lag vor allem an einem vorausschauende Spiel, einer guten Übersicht und hohen Geschwindigkeit. Manche sprechen von Abgeklärtheit, ich würde sagen, etwas anderes war von jemanden, der seine Kindheit in Pattensen verlebt hat, nicht zu erwarten. Gebt uns eins, zwei, viele Pattensen und die WM 2006 ist kein Problem mehr.

Pers Qualität wird mittlerweile bundesweit medial gewürdigt. Da die Medienmenschen glauben, unser einer wäre vor allem an der menschlichen Seite von Stars interessiert - und da haben sie recht - gibt es lustige Fragebögen. Und so einen mußte nun auch Mertesacker ausfüllen. Fragebögen können einen zur Legende machen. Rudolf Augstein, zum Beispiel: gut, die Verhaftung machte ihn populär genug, aber würde sich wirklich jemand eines einzigen seiner Essays erinnern (100 mal Hitler, 50 mal Stalin und je 20 mal Brandt und Kohl)? Wohl nicht. Aber Augsteins Antwort auf die Frage "Was halten Sie für die bedeutenste militärische Leistung der Geschichte?" "Meinen Rückzug aus der Ukraine", ist zeitlos.

Per bekam seinen Fragebogen leider nicht von der FAZ, sondern vom Kicker. Da mittlerweile auch Akademiker Kicker lesen, lautet eine der Fragen "Wen hälst du für die bedeutenste Person der Zeitgeschichte?". Und dann die Antwort "Konrad Adenauer".

Konrad Adenauer ??? Im Ernst? Stellt den Geschichtsunterricht in unseren Schulen ein! Sofort! Ausgerechnet Adenauer? Den Konni aus Köln, der Deutschland semi-autoritär charmant Schuld vergessen ließ? Dessen Wirtschafswunder Ehrhardts war und der Globke wieder berief? Wer etwas zu Adenauer wissen will, frage am besten bei der FDP an: Die hat ihn gestürzt, damals, als sie noch eine liberale Partei war.

Hier daher ein paar Vorschläge für Bundesligaspieler:

1. Nelson Mandela: Konnte in 37 Jahren im Gefängnis nichts falsch machen und überwandt die Apartheid. Als Präsident Südafrikas Identifikationsfigur für einen ganzen Kontinent und alle solidarischen Menschen drüber hinaus. Engagiert sich gegen AIDS und Friedensnobelpreistrager. Minus-Punkt: Gönnte uns die WM 2006 nicht.

2. Vaclav Havel: Revolutionär, Dichter und Präsident Tschechiens. Schrieb mittelmäßige Lyrik aber hatte ein wunderbares Herz. Gewann alle Wahlen zu dene er antrat und machte die Tschechische Republik zu etwas besonderem. Minus-Punkt: Raucher.

3. Herbert Schmalstieg: War immer schon Bürgermeister von Hannover und wird es immer bleiben. Warum er nie in seiner Partei Karriere machte, weiß keiner, aber er hat Niki de St.Phalle davon überzeugt, daß Hannover eine Kultur liebende Stadt ist - was nicht stimmt - und Hannover davon, das Niki eine Weltkünstlerin ist - was auch nicht stimmt.

Also Per, wenn alles gut weiterläuft, werden wir dich 2006 auch auf einer Liste der wichtigsten Deutschen sehen. Wenn das ZDF mal wieder einen Superdeutschen sucht. Ich würde es dir wünschen. Aber vergiß den rhöndorfer Rosenkanzler. Der Alte mochte keinen Fußball, er spielte Bocchia, das ist ungefär so wie die Taktik von Ribbeck.

Und die Zeiten sind ja nun endgültig vorbei.

Dienstag, November 16, 2004

Karl Lagerfeld? Ich bitte Euch!

Der Sommer- und der Winterschlußverkauf ist abgeschafft. Einzig als mediales Ereignis wird er uns noch erhalten bleiben - wenigstens denjenigen von uns, die gerne die "Tagesschau vor 20 Jahren" im WDR schauen. Die Bilder aus den 80gern sind immer die gleichen: Die Kamera ist von innen auf die Glastüren eines Horten-Hauses gerichtet. Draußen die Meute. Drinnen ein Mann im Anzug der mit zitternden Beinen auf die Türen zugeht und sie öffnet. Danach eine Szenerie, die der "Levée en masse" der französischen Revolution nahe kommt. Der arme Mann ist nicht mehr zu sehen, aber dicke Frauen kämpfen am Schlüpferstand um die letzten Unterwäsche. Das alles angestrahlt von einem häßlichen Neonlicht. Ich empfehle jedem sich das in den nächsten 18 Jahren mal anzusehen um dann wie ich zu dem Schluß gekommen, daß mit der Abschaffung nichts, aber auch gar nichts verloren wurde, was es wert gewesen wäre zu erhalten.

In 20 Jahren von heute werden die Kinder der Heterosexuellen von uns, bzw. die der Schwulen und Lesben mit Mut und Adoptionsrecht, dann leider andere Bilder sehen. Und ja, es wird auch nach dem 3.Weltkrieg noch den WDR geben. Also: Sie werden junge, hübsche Menschen sehen, die ihre Nasenpiercings gegen die H&M Türen pressen. Sie werden sehen, wie sie sich die Generation ihrer Eltern die Photohandys um die Ohren schlägt. Sie werden zwar nicht mehr wissen, was Puma und Adidas waren, aber ich denke sie werden die Bedeutung verstehen: Es ist unglaublich peinlich anzusehen. Wenn es das Wort noch gibt, werden sie wegzappen aus Scham für Mama und Papa.

Diejenigen die dann dran bleiben werden, werden auf eine komische abgemagerte tuckige Figur mit Fächer sehen, die abwechselnd mit zeitlos schlecht designten T-Shirts gezeigt wird. Das war der Karl L. und man wird Ihnen das Phänomen nicht mehr erklären können. Vielleicht kann man mit ihnen zum "Wetten dass"-Mahnmal in Mainz fahren und im Raum der Stille für die schlimmsten häufigsten Gäste, eine Statur zeigen, die Karl Lagerfeld noch mit Körper zeigt. Bis dahin werden sie sich fragen, warum zum Teufel ein Reihe überteuerter Klamotten in einem Moderamschladen zu so viel Hysterie führen konnte.

Vielleicht werde auch in in 20 Jahren darauf eine Antwort haben. Bis dahin gehe ich zu Esprit.

Samstag, November 13, 2004

IKEA, Monika und das Ende der Zukunft

Freundschaften kommen und gehen, nur manche bleiben. So ist es mit mir und IKEA. Keine Angst, es ist mittlerweile Teil der Pop Kultur ironische und sympathisch-reflektive Artikel über das schwedische Möbelhaus zu schreiben. Aber bin ich das SZ-Magazin? Dies ist kein Design-Special. Und überhaupt: Wo ist eigentlich Tom Kummer, wenn man ihn braucht?

Also, ich war gestern spazieren in der Wedemark. Es war schön. Flaches Land, Wald und Sonne. Dann Hunger. Leider waren alle Grünkohlversorgungsstätten noch ausgeschaltet, die Theken noch verdunkelt und die Zapfhähne noch vom Bierschaum des letzten Abends verdreckt. Also: Kötbuller. 20 Stück. hmmm, die sind bestimmt genauso handgemacht, wie meine 5,99 Lampe mundgeblasen ist.

Ich glaube Ikea hat irgendwann Taka-Tuka Land versklavt. Heute leben die Menschen dort in blauen Wellblechhütten. Drei Viertel der Bevölkerung arbeitet 365 Tage am Jahr. Sie sind flexibel und auf verschiedenen Gebieten gleichzeitig qualifiziert. Während sie Vasen und Lampen mit dem Mund Blasen, können sie mit beiden Händen zwei unterschiedliche Teppiche mit ethno-Mustern knüpfen. Mit den Füßen packen sie die Sachen ein.

Zum Thema IKEA-Verpackungen fällt mir immer nur Monika Griefhahn ein: Erinnert sich noch jemand an Monika Griefhahn? Sie war mal Greenpeace Funktionärin und dann niedersächsische Umweltministerin unter Gerhard Schröder. Sie war Schröders Rache an den Grüne, die nur das Bundes- und Europaministerium erhielten. Monika Griefhahn auf jeden Fall blieb mir vor allem dadurch in Erinnerung, daß sie mal auf der Landeskonferenz eines politischen Jugendverbandes eine Ikea-Plastik Lampe hochhielt und dann alle 100 Delegierten bat, daran zu riechen, um zu riechen, wie ungesund Plastik riecht. Sie hatte die gleiche Lampe schon 1 Jahr mit sich dabei und das einzige wonach die Lampe roch, war Monika Griefhahn.

Dann sagte sie noch: "Überbevölkerung? Die Ameisen verfügen zusammen über die dreifache Biomasse der Menschen und hat schon jemand mal davon gehört, daß Ameisen ein Problem mit Überbevölkerung haben?" Wir aber schon, Monika: Vielleicht nicht in der Masse, aber in der Qualität.

Schönes Wochenende.

Donnerstag, November 11, 2004

Post von Horst Köhler

Der Bundespräsident hat mir geschrieben. Ich war gerade beim Bäcker um Croissants zu holen, schaue in den Briefkasten und siehe da: Ein Brief vom Staatsoberhaupt, vertreten durch Dr. Stefan P.

Ein Auszug:

"Der Bundespräsident ist als Staatsoberhaupt berechtigt und auch verpflichtet, sich mit allen Fragen der staatlichen Repräsentation zu befassen. Daher hat er sich sehr schnell in die Debatte um den 3. Oktober eingeschaltet und dafür plädiert, eine Abschaffung sehr sorgfältig zu bedenken und hierüber einen breiten gesellschaftlichen Konsens herzustellen."

Hmmm, ich dachte, es ginge um einen breiten gesellschaftlichen Dissens. Deswegen hatte ich ihm auch solidarisch gemailt. An "Konsens" mit einem sozialdemokratischen Kanzler, der den einzigen republikanischen Feiertag abschaffen will, aber zu katholischen Feiertagen den Mund nicht aufkriegt, war ich nicht interessiert.

Vorbei, Horst, Du hast sie plattgemacht. Bei Forsa stürzen die Sozen ab. Aber:

"Gleichwohl ist der Bundespräsident froh, dass eine Debatte darüber eingesetzt hat, wie eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands erreicht werden kann."

Wenn Debatten über die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik - was auch immer das ist - weiterhin auf diesem Niveau geführt werden, sollte man vielleicht einen weiteren Feiertag einführen. Jeden ersten Montag in Monat ein "Tag des Denkens bevor man spricht". Wär doch was, oder?


Crash, Arafat und Otter

Gestern hat mich ein Auto überfahren. Das paßte zum Tag. Morgens hatte schon meine Bank angerufen, um nach meinem Konto zu fragen. Dann bin ich mit meinem Fahrrad zur Arbeit gehetzt. Am Waterlooplatz - wo auch sonst - bin ich auf dem in beide Richtungen befahrbaren Fahrradstreifen über die Straße gefahren. Die Fahrrerin eines wartenden Autos schaut nur in eine Richtung, gibt Gas, als ich vor ihr bin.... Bumm. Sie hat mich auf der linken Seite erwischt. Nicht stark, aber doch kräftig genug, daß ich richtig auf die Fresse gefallen bin. Keine bleibenden Schäden am Auto und an mir. Das Fahrrad ist auch noch in Ordnung, aber so schnell kann es gehen. Egal. Man soll das auch nicht überbewerten. Nun zu den wirklich wichtigen Dingen.

Aus aktuellem Anlaß: Sind wir nicht alle Arafat? Ich meine alle glauben man lebt noch, aber in Wirklichkeit ist man seit Tagen tot? Ist er somit nicht ein Symbol für die inhaltslosen in der post-pop-moderne? Hat wirklich irgendjemand geglaubt, daß Arafat noch lebt und dann - wie passend - an dem Morgen entschläft an dem alle Nachfolgefragen gelöst sind? Erinnert sich denn niemand mehr an den Kreml? Egal. Jetzt ist es vorbei und es wird spannend sein, zu sehen, wie sich die "Lage" entwickelt. Vielleicht kann ich in ein zwei Jahren wieder meine Pali-Tücher im Winter tragen. Ich habe mir eins aus einem Syrien Urlaub mitgebracht. Ist wunderbar kuschelig. Da ich aber nicht mit meinen linken Freunden in Konflikt geraten möchte, bzw. keine falsche Solidarität bekunden möchte, liegt es im Schrank, gleich neben den schwarzen Kapuzenpullis. Na ja, wenn H&M eine Pali-Edition auflegt, bin ich wieder mit dabei.

Zum letzten Thema: Man kann mir wirklich nicht vorhalten, ich hätte nie was für Tiere getan. Ich habe z.B. 2 mal Grün gewählt. Außerdem habe ich mich aus allerdings hedonistischen Motiven auf ein längeres Gespräch mit dem gutaussehenden jungen Menschen vom Otterzentrum in Hankensbüttel eingelassen. Ich kann Männern mit Wiener Akzent einfach nichts abschlagen. Auf jeden Fall habe ich dann über 3 Jahre 60 DM bezahlt. Bis dann bei einem Hochwasser alle Otter in ihren Käfigen abgesoffen sind. Da wollten sie eine Sonderspende und ich habe gekündigt. Ich habe schon mehrere Menschen getroffen, denen es ähnlich ging. Die Otter Bande war echt die schlimmste Drückerkolonne der letzten Jahre. Sei's drum: Ich habe auf der Lister Meile eine super Jacke mit Pelzlkragen gesehen. Die muß es sein. Aber setze ich damit nicht das falsche Signal. OK, es ist bestimmt Kunstpelz, aber trotzdem? Ich denke, jetzt wo es mit mir auf die 3o zugeht, müssen diese Hemmungen abgelegt werden. Wenn ich jetzt die Binnennachfrage ankurbele, schenke ich dem deutschen Arbeitnehmer einen Arbeitstag.

Zobel UND Verdi scheint mir daher eine vernünftige Lösung zu sein.

Mittwoch, November 10, 2004

Für Martin Kind

Lieber Herr Kind,

Sie haben eine undankbare Rolle. Sie sind Präsident von Hannover 96 und ein typisch niedersächsischer Geschäftsmann: gewissenhaft, ehrgeizig und robust im Auftreten und, da bin ich mir sicher, Sie haben es faustdick hinter den Ohren - unabhängig davon, daß Sie dort ihr Geld verdienen . Ihnen macht keiner was vor.

Es war hart mit dem Rangnick, oder? Immer dieses Gerede ständig dieses Sensibelchen und die Fans mochten ihn. Aber die haben Ihn ja immer nur aus der Distanz gesehen, oder? Ich kann mir vorstellen, daß es für Sie die Hölle gewesen sein muß: Auf er einen Seite der sprunghafte Schwabe, auf der anderen Moar, die spanische Furie, die man zum einen nie richtig verstand und die zum zweiten ständig neue abgehalfterte Südeuropäer anschleppte. Nur einer von 10 war ein Erfolg. Um Jaime tut es Ihnen bestimmt auch leid, oder? Aber der Rest? Sie müssen sich vorgekommen sein wie der gelbe Sack der Liga: Xavier, Popescu und wie sie nicht alle hießen.

Sie haben dann die Reißleine gezogen und die Rioja-Fraktion rausgeworfen. Jetzt regieren Schweizer Solidität und alt-linke Kaderführung. Hannover, das ist alles wovon die Joschka Fischer immer geträumt hat. Es gelang der Aufstieg in den Bundesliga-Sicherheitsrat. Das haben sie richtig sauber hinbekommen. Respekt.

Jetzt spielt Hannover im Kern mit der Truppe, die auch aufgestiegen ist. Stendel, Krupi, Steve, Lala, alle waren sie dabei. Zwischendurch haben wir knapp 40 Spieler durch das Team gejagt. Und für was? Für einen Klassenerhalt, aber immer knapp.

Ich gebe zu, ich werde sie vermissen, diese Panik ab der 70.. Minute. Erinnern Sie sich auch noch an das 4:4 gegen Bielefeld, damals im Dezember 2002? Bielefeld geht 4:3 in Führung, Conor Casey macht eine Schwalbe und holt einen Elfmeter raus, den haut Jan Simak rein, Abpfiff... Das waren Momente, die ich nicht missen möchte, die man sich aber durchaus hätte sparen können. Es ist besser so, wie es jetzt ist.

Das mit dem leeren Stadion geht übrigens nicht nur auf ihre Kappe, aber auch. Dies ist halt einerseits die "fußball-verrückte Halb-Millionenstadt" (SZ), andererseits sind wir halt auch Niedersachsen. Und wenn sich Niedersachsen zwischen Theke und Stadion entscheiden müssen, kommt halt meistens Theke heraus, und ein Gilde. Sie sind eigentlich nur dafür verantwortlich dafür, daß die Kommunikationspolitik so ist wie das Land: rau.

Müssen es wirklich immer Durchhalteparolen sein? Mußte man sich in den letzten Jahren wirklich immer gegen die Fans entscheiden und das denen auch sagen? Egal. Das Stadion steht und gut ist, jetzt muß es halt finanziert werden und wenn es etwas billiger wird - und es wird etwas billiger werden - wird es auch wieder voll.

Sie sollten sich zu dem Schweizer und dem Mönchenglagbacher vielleicht noch einen Kölner als Kommunikationsberater zulegen. Der kann dann immer schöne Dinge sagen, über "tolle Fans", super Angebote und Alaaf und so.

Ich weiß nicht, wie lange Sie noch vorhaben im Amt zu bleiben, aber ich hoffe, Sie betreiben 96 noch etwas weiter. Wissen Sie, was sollen wir denn ohne Sie machen? Ihr politischer Zwilling Herbert Schmalstieg gibt bei den Wahlen 2006 den Rathausschlüssel ab, aber 96 ohne Sie? Das wäre wie meine Oma ohne eins ihrer Hörgeräte.

Ein Wehrmutstropfen bleibt doch: ich trau der Ruhe nicht. 96 wäre nicht 96, wenn nicht noch irgendein Desaster aus dem Nichts kommt. Krupi verletzt, 4 Niederlagen nacheinander, endgültiger Ausfall der Toilettenbeleuchtung. Wer weiß, womit die Fußballgöttin uns noch straft. Dann liegen bei all den Sensibelchen in dieser Stadt wieder die Nerven blank. Halten Sie dann Kurs. Platz 13 reicht.

Mit besten Grüßen,

Ein Fan (N1, früher B9)


Montag, November 08, 2004

I won't survive

Wieder in Hannover. Die letzten drei Tage in Berlin auf einer Tagung der unbekannten Stiftung einer nicht mehr im Bundestag vertretenen Kleinpartei gewesen. Zum Thema: "Hochschulpolitik". Habe mich jedoch die meiste Zeit mit inhaltlich belanglosen Stilfragen beschäftigt, wie z.B. "Was ist eigentlich schlimmer als jemand der ständig und ohne Sinnzusammenhänge Adorno zitiert" Antwort: "Jemand der mit der Vertrautheit, eines Menschen, der anstelle eines Freundeskreises einen Dialektik-der-Aufklärung-Lesekreis hat, von "Teddy" Adorno spricht.

Wie wir damals in Frankfurt in der guten alten Zeit, als Suhrkamp noch ein Verlag war und Martin Walser lesbar.... Thema des Referats war übrigens "Die Auswirkungen des Elitediskurses auf die Lage der Studierenden" hmmmm!?! Wenn Leute die habituell alles versuchen, zu einer wie auch immer gearteten Gegenelite - wenn auch einer Mitfühlenden - zu gehören mit Bourdieu Zitaten um sich werfen und von kultureller Kapitalakkumulation sprechen und dann am Ende das Ausscheiden der bildungsfernen Milieus (man höre: man sagt nicht mehr Schichten) aus den Universitäten bedauern, dann kommt mir leider das kotzen und ich möchte ihnen Boudieus großes (2 kg) Werk "Das Elend der Welt" gegen die schwarzen Medinwissenschaftler Brillen werfen.

Aber so ist sie wohl, die "Linke". Die wirklich relevante Frage wurde leider nicht gestellt. Wie muß eigentlich eine linke Strategie aussehen, wenn mehr junge Menschen bei den Wahlen zur Dschungelkönigin teilnehmen, als bei den Bundestagswahlen?

Ich bin für die Einführung des sms-voting bei den Wahlen 2006. 0,49 cent wär es mir wert. vielleicht auch 0,98 cent. Dann würde ich aber splitten. Außerdem könnte ich dann als Kunde auch mal was verlangen für mein Geld. Die Einführung des Marktprinzips in die Politik wäre eine sinnvolle Auffrischung. Dann noch eine 24 Stunden Kamera im Kanzleramt und eine tägliche Zusammenfassung der Arbeit der Kanzlerin auf Tele 5. Phoenix wird abgeschafft. ä

Ach ja, und in Zukunft ist jeder Sonntag ein 3.Oktober!


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