Dienstag, Oktober 26, 2004

Nach Herbert die Sinnflut

In das Rennen um die Nachfolge von Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg ist Bewegung geraten. Forscher der Universität von Bristol haben EcoBotII ins Rennen geschickt und damit für eine massive Verunsicherung in den traditionellen politischen Lagern der niedersächsischen Landeshauptstadt gesorgt.

EcobotII ist der erste Roboter der seine eigene Energie erzeugt, in dem er Fliegen fängt und durch Bakterien "verdaut". Durch die dadurch gewonnene Energie bewegt sich der Roboter um 10 cm pro Stunde vorwärts.[link] Damit ist Ecobot bereits jetzt schneller als der bisherige Oberbürgermeister. Nach internen Berichten kann EcoBotII bereits nach 10 Fliegen "Niki de St.Phalle ist eine Weltkünstlerin" sagen und alle 200 Fliegen leitet EcoBot II eine Verwaltungsratssitzung der Sparkasse.

In den Parteizentralen von SPD und CDU will man zum jetzigen Zeitpunkt keinen Kommentar zur Kandidatur EcoBotII's abgeben. Politische Beobachter jedoch lassen erkennen, daß in beiden Parteien die Strategie, mit jeweils einer eigenen Scheibe "Wurst mit Gesicht" anzutreten, mehr und mehr in Zweifel gezogen wird.

Es erscheint verfrüht, heute schon Prognosen über den Ausgang der nächsten Oberbürgermeisterwahlen zu machen. Eins ist jedoch sicher: Sollte die Hannoveraner sich für Option der künstlichen, aber immerhin meßbaren Intelligenz entscheiden, wird dessen Amtszeit nicht wie der aktuelle Roboter durch biologische Faktoren begrenzt sein. Fliegen gibt es in Hannover immer genug.

Montag, Oktober 25, 2004

Solidarität

Kurt Loose ist kürzlich 95 Jahre alt geworden. Diese in anbetracht des 20. Jahrhunderts schon außerordentlich erstaunliche Leistung wird jedoch übertroffen von einem anderen Jubiläum, das sich nach Angaben des Üstra-Fernsehens am heutigen Dienstag jährt. Kurt Loose ist seit 80 Jahren hannoveraner Gewerkschaftsmitglied.

Mathematisch heißt das, daß er 1924 beigetreten ist, rechnet man auch die 12 Jahre gewerkschaftsfreier Zeit mit ein. Also: Weimarer Republik, NS-Zeit, Besatzungszeit, Bundesrepublik-Alt, Bundesrepublik-Neu...und in all den Jahren nicht ausgetreten!

Ich bin 11 Jahre Mitglied der SPD gewesen und diese Zeit hat mir mehr physische und psychische Schädern hinterlassen, als ich mit Worten vermitteln kann. Aber 80 Jahre?

Wo hat er gelebt? War er vielleicht in der "Gewerkschaft der deutschen Arktisforscher"? Man fragt sich, ob da jemand nicht richtig hingeschaut hat, z.B. als die Gewerkschaften am 1.Mai 1933 das Hakenkreuz hißten, um sich mit einem Regime zu arrangieren, zu dessen Verhinderung sie und die Sozialdemokraten nichts beitrugen? oder in 50 Jahren West-Deutschland, an deren Ende die Gewerkschaften ein Stadium totaler Wirkungslosigkeit erreicht haben? 20 Jahre sinkende Reallöhne?

Heute ist die Gewerkschaft doch nichts als ein Öffentlicher Dienst mit anderen Mitteln. Außerdem die einzige Gropßorganisation ohne Betriebsrat. Dicke Funktionäre in Gewerkschaftspalästen formulieren verquastete Konzepte für einen Sozialstaat, von dem sie nie verstanden haben, daß er gegen sie gerichtet war. Dafür haben sie die gleichen Bärte wie ihre sozialdemokratischen Geschäftsführerkollgen. Dieses administrative Mittelmaß steht am Ende eines 150 jährigen Projekts: Vorbei und hoffentlich bald vergessen, diese Westerwelles des einfachen Mannes.

Gewerkschaftsbosse kaufen sich heute, was der Krieg von Hannovers Schlössern übrig gelassen hat. Alle Bedenken, daß IG-Metall Chef Peters ein "Mann von Gestern" sei, mit dem die Gewerkschaft eine Linkswende vollziehe, zerstoben, als er sich als Mann von Vorgestern erwies und gemeinsam mit seinem Sachsen-Anhaltinischen Kollegen - unter gelinde gesagt dubiosen Umständen - die beiden Laves-Villen im Georgengarten mit eigenem Park und See für knapp 300.000 Euro kaufte: als Alterssitz. Danach ersteinmal den Mietern gekündigt.

Das kann ich mir gut vorstellen: Vor der Tür der Dienstwagen und auf der schönen Terasse kann man dann über seine Ländereien schauen und bei einem Glas Toskanawein über die linken Träume in der eigenen Jugend sinnieren - und Lachen. Danach vielleicht eine Viagra mit Parmesan und alles ist wie früher - nur viel schöner.

Kurt Loose ist geblieben, obwohl um ihn alles zerbrochen ist. Respekt dafür, daß er mehr als 50 Prozent der deutschen Gewerkschaftsgeschichte ausgehalten hat. In letzter Zeit scheint er jedoch auch er zur Vernunft gekommen zu sein. Er lernt auf seine alten Tage Englisch.

Er hat die Erfahrung und diesmal hat er Recht: Es ist Zeit zu gehen.

Sonntag, Oktober 24, 2004

Pizza

Meine Pizza kommt aus einem türkischen Dönerladen in Linden Mitte. Meinen Lieblingsdöner macht ein Grieche. Die beste Currywurst gibt es im Übü, einem Café unbestimmter Nationalität. Manchmal fühlt man sich hier in einem kulinarischen Kreisverkehr.

Insgesamt hat die Qualität des Fast Food in Hannover allerdings trotz einer Verbreiterung des des Angebots einer Einschätzung nach eher nachgelassen. Man nehme zum Beispiel den Food Court am Hauptbahnhof. Der Asia Imbiß hat den Charme eines Diners in Saigon der späten 70ger, der Grünfutterladen gegenüber lädt vor allem zu der Frage ein ob man wirklich "früher" 8 DM für einen Karottensaft bezahlt hätte und die Hochgelobte Fritten erinnern doch nur an zu recht vergessene Ferien in Amsterdam: ohne Freßflash schmeckt es nicht.

Einzig der neue Leberkäse-Stand hat ausreichende Qualität: Erstens eine lecker widerlich aussehende Ware und jene Verkäuferin mit dem tragischen Blick, von der ich glaube, daß sie in Wirklichkeit eine existentialistische Künstlerin ist, die am Bahnhof einen Selbstversuch unternimmt.

Neu ist auch Subway, mit dem 6g Fett Burger. Subway hat die Schillerstraße ohne Zweifel belebt. Mir macht aber schon deshalb keinen Spaß dort zu essen weil ich aus dem Fenster immer das Schild: "Wir kaufen jedes Gold an. Auch mit Zahn!" gegenüber lesen muß. Ein Baguette schmeckt halt nicht, wenn man gleichzeitig immer daran erinnert wird, daß Buchenwald bei Karstadt liegt.

Außerdem hasse ich es, eine Auswahl zu haben. Subway überfordert uns Kunden in unserer Eigenschaft als Deutsche: Mein autoritätsgewohnter Charakter erträgt keine Entscheidungen. Mich macht es schon fertig, den Dönermann auf scharfe Soße jedesmal hinweisen zu müssen. Ich habe da eine andere Mentalität. Deswegen glaube ich, wird Subway, das mir eine unglaubliche Anzahl von Saußen, Fleisch und Salatkombinationen eröffnet - es gibt rechnerisch mehr Subway Optionen als Atome im Universum - auch am deutschen Markt zerschellen.

Apropos zerschellen: Mag hier irgendjemand Kaugummizigaretten? Dann ab nach Linden. Hier gibt es noch großartige nostalgie Kaugumizigaretten, die durch einen Trick Rauch machen. Außerdem kommen sie mit echten Retro-Motiven:



Ich denke die atomisierte Columbia Crew wird sich freuen, wenn man ihrer noch einmal so richtig gedenkt und auch die Opfer des 11 September erwarten sicherlich von uns von Zeit zu Zeit eine Kaugummizigarre zu ihren Ehren.

Wie dem auch sein, heute ist ein gute Laune Tag, aber ich komme etwas vom Thema ab: Keiner der oben genannten Läden hat es geschafft, das Ende des Meica Grills auf der Limmerstraße zu kompensieren. Das war ein richtiger Grill aus den 70gern, mit echtem alten Fett, guten Pommes und einer lustigen Kassiererin, die auch aus den 70gern war. Da gab es zu jeder Currywurst einen deftigen Herrenwitz zum jederzeit anwesenden, ständig betrunkenen Stammpublikum. Eines Tages, von einer Sekunde auf die andere, war er zu. Böse Zungen behaupten, die archäologische Abteilung des Ordnungsamtes hätte ihn wiederentdeckt und so wie er war ins Hygienemuseum geschickt.

Die große Zeit der Grillstübchen ist vorbei. Sie wird nicht zurückkommen, den die gesellschaftlichen Bedingungen für eine Grilllandschaft bestehen nicht mehr fort. Ich wäre für eine dezentrale Gedenkstättenkultur, damit auch unsere Kinder erfahren können, was war und warum und dann vielleicht auch mir einer neuen Generation junger Polen, Versöhnung über einem Schnitzel leben können.


Samstag, Oktober 23, 2004

Samstagsschicksal

Draußen regnet es nicht. Natürlich scheint aber auch nicht die Sonne. Dies ist Niedersachsen und gutes Wetter können wir hier nicht. Kein anderer Teil der Bundesrepublik hat eine regionale Küche, die man am besten bei schlechtem Wetter genießen kann. Bewohner dieser Gegend warten sogar den ganzen Sommer auf den ersten Frost, um endlich wieder Grünkohl mir Bregenwurst essen zu können: anders gesagt ein breiges salziges Matschgericht mit Hirn in in Pelle...an guten Tagen mit Senf und Korn.

Essen ist ein schlechtes Thema gerade, denn an einem Samstag morgen heißt es immer auch die ersten Stunden nach dem Freitag Abend zu überleben. Und der war diesmal bitter. Am Donnerstag gab es eine schlechte Nachricht persönlicher Art, die niemanden was angeht. Freitag wußte ich dann nicht, was ich tun sollte und habe den ganzen Tag vor dem Rechner rumgelungert.

Nachmittags dann ein blind date: im schwulen chat-programm zu Kompensationszwecken mit einem Unbekannten geflirtet. Der hat mich dann in seine Badewanne eingeladen. Wär wahrscheinlich nett gewesen, aber ich bin gegen Sex unter dem Meeresspiegel, wie auch immer...wir waren Kaffeetrinken. Es war ein Desaster: Er war uninteressant, ich dachte die ganze Zeit an Badeschaum und der einzig attraktive Mann saß am Nebentisch mit einer
Freundin. Nach 1 Stunde hat mich ein Freund erlöst und zum grillen eingeladen. Ja, wir grillen noch Ende Oktober. Auf einem Balkon, aber immerhin. Zusätzlich haben wir uns unglaublich betrunken und waren dann aus.

Lange Zeit bin ich in dieser Stadt nicht gern weggegangen. Das waren die Jahre, in denen sie so schlecht war, wie ihr Ruf. Das Problem ist wohl gewesen, daß alle Läden hier anfang der 90'ger oder noch in dern 80'gern als Projekte entstanden sind, denen über die Jahre die Anhängerschaft entwachsen ist: Die Glocksee? Nur noch Pseudo-Punks und mehr Nebelmaschinen als Mariuna-Nebel. Die Faust? Hmmm, heute baut man Mollis dort mit Prosecco Flaschen. Das Oshos? wird bald zu Recht abgerissen... Ich könnte diese Liste fortsetzen hin zur "Korn" - wo man heute anti-deutsch tanzt usw.

Aber Rettung kam wie immer in dieser Stadt in Form einer billigen Imitation. Hatte man in den 80gern Kreuzberg imititert und sich in Linden einen netten versifften Sumpf geschaffen, orientierte man sich zum Jahrtausendwechsel eher an Hamburg. Im Steintorviertel - unserem kleinen peinlichen Rotlichtviertel - entstand das was auch der Hannoveraner bald "Kiez" nennen wird. 4 bis 5 nette Klubs, in denen man tanzen kann, wenn man nicht schmutzig ist, aber auch keine Lust auf Junge Migrantenkinder in weißen Jeans hat. Der beste Laden, der "Lindenboulevard" wurde von seinen Besitzern leider wieder zugemacht, weil sie sich, wie sie bei der Schließung erklärten, ein anderes Publikum gewünscht hatten. Na ja, jeder scheitert halt, wie er es verdient.

Gestern auf jeden Fall: Eve's Klub, Odeon Nachtcafé und dann Rock House. Im Eve's erinnere ich mich an nicht mehr viel. Das wichtigste war ein paar unglaublich attraktiver männlicher Zwillinge. Beide 1,90, trainiert und gepflegt. Sie sahen gut aus und das wußten sie auch. Man merkte es ihnen an und ich denke, sie haben nicht so häufig Sex. Ich habe ja immer die Position vertreten, daß auch bei den bestaussehensten Männern einfach so in der Ecke rumstehen auf die Dauer abturnt. Und zum Resteficken waren sie wohl auch zu früh da. Weiß der Himmel was sie wollten.

Dann ins Odeon. Ein Kumpel verlor die Kontrolle und sang die ganze Zeit Hannover 96 fansongs. Ich sang mit. Nach langer Zeit endlich mal wieder Sauren getrunken. Viele Schwule waren nicht da. Dir arme Rollstuhltucke am Nebentisch haben wir dann genügend terrorisiert. Die Odeonstraße ist für mich die ehrlichste Straße in Hannover gewesen, als sie den einzigen Grufti-Klub hatte, zwei Grufti-Parteien (SPD und Grüne) und Scientology in sich vereinte; das alles umrahmt vom Straßenstrich. Dann ins Rock House. Kinderladen. Aber laut. Habe ich dann aber alles so nicht mehr mitbekommen weil ich Schluckauf bekam. Das war ein sicheres Zeichen, zu gehen. Bzw. mit dem Taxi zurückzufahren. Dann Koma, jetzt Rührei und Lachs.

Heute ist noch eine anti-faschistische Demonstration gegen den NPD-Aufmarsch. Da können dann all diejenigen, die den Rest es Jahres die Schnauze halten, mal wieder das Hohe Lied der Demokratie singen: Pseudo-Betroffenheit gemischt mit Eventfanatismus und danach eine Bratwurst. Ich wette es gibt ein Party-Catering für das Bier nach dem Protest. Wer solche Bürger hat, braucht eigentlich keine Bild Zeitung mehr. Aber Hannover ist eine tolerante und weltoffene Stadt, eine Messestadt mit Expo-Vergangenheit.

Ich werde nicht für die bunte Messestadt demonstrieren gehen. Vielleicht meditiere ich stattdessen noch etwas über dem Grundgesetz. Oder schaut man besser einen Porno aus der Nazi-Zeit?

Wer eine Antwort hat, soll sie sich merken.

Vorbemerkung

Dies ist ein Test.


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