Mittwoch, März 08, 2006

Trotz alledem...

Trotz des ganzen Wahnsinns der letzten Wochen hat sich in Hannover eine neue Partei gegründet. Schaut doch mal auf die Seite des Linksbündnis Hannover !

Dienstag, März 29, 2005

Jetzt noch Urlaub?

Für Schlupp.

Können wir und Urlaub noch leisten? Ich meine darf man Angesichts von 5 Millionen Arbeitslosen wirklich noch in die Ferien fahren. Einfach so zufrieden sein, während zu hause Ostdeutsche hungern? Ich frage mich ob die Köhler Doktrin auch auf unser aller Freizeitverhalten anzuwenden ist: Jede Entscheidung muß daraufhin überprüft werden, ob sie Arbeit schafft - und damit ist naürlich Arbeit "hier bei uns" gemeint. Da ist ein Cocktail am Strand schnell ein Verrat an der Volksgemeinschaft.

Natütlich steht der Köhler Doktrin eine andere auch wesentliche Doktrin gegenüber: Die Post-Tsunami Regel. Diese lautet, daß "wir" alle schnell wieder nach Thailand fahren sollen, damit dort Arbeit und Entwicklung entsteht. Beides kann aber nicht funktionieren: Wir können nicht einerseits die Kaufkraft in asiatischen Bordellen oder durch politisch korrekten Individualtourismus verschleudern, andererseits die Spielzeugmanufakturen im Erzgebirge mit Aufträgen überhäufen. Da werden wir und entscheiden müssen. Ich sage mal so: Diese blöde Welle hat 300.000 arme Fischer weggespült aber und Helmut Kohl gelassen. Ich denke, wir schulden ihr nichts. Aber das muß jeder vor seinem eigenen Gewissen verantworten.

Natürlich habe ich trotzdem gespendet. Ich meine, wenn man sonst schon nicht zu diesem Land gehört, dann muß man die wenigen kollektiven Momente, die einem die Pop Kultur hier ermöglicht, mitnehmen. 380 Millionen Euro haben die Deutschen in einer Woche gespendet. Zum Glück haben das die Blinden nicht im Fernsehen gesehen, denen gleichzeitig die staatliche Unterstützung mit der Axt weggeholzt wurde. Tja, erst wenn der letzte Blindenhund an ein China Restaurant verkauft worden ist, werden sie merken, daß.... egal.

Zusammengefaßt kann man sagen, daß sich der Sozialstaat bei meinem Einkommen nicht gesundkonsumieren läßt. Meint meine Bank auch. Und will, daß ich meinen Dispo einhalte.

Aber wenn die Köhler Doktrin nicht funktioniert, wohin dann? Einige fahren nach Florida. Das isr Californien mit Krokodilen. Ich kann das nachvollziehen. Ich möchte auch mal wieder an einen Strand an dem ich mich auf die Unabhängigkeit der Gerichte verlassen kann.

Mal ganz nebenbei: Fändet ihr nicht auch, daß "Terri Schiavo's brain" ein super Cocktailname wäre. Kokos, gecrunchtes Eis, soviel Rum, daß man besinnungslos wird vielleicht noch etwas Curacao?

Nett am abhängen, den Haifischflossen im Sonnenuntergang zusehen im Hintergrund singen Christen. Die Jung-Republikaner machen ein Lagerfeuer am Strand und verbrennen einen Anhänger der Darwinschen Vererbungslehre. Der Rentnersammeldienst liest die Überreste der an diesem Tag aus ihrem privaten Rentenfond ausgeschiedenen aus den Containern der Strandcafés ein.

Ich denke doch: Es gibt ja auch Miami, Orlando, den "South Beach". Mein Exfreund war gerade da und ist immer noch begeistert. Und ich frage mich: warum fährt alles gerade nach Florida. Und ich schaffe es nicht einmal nach Norderney?

Draußen regnet es. Was bleibt, ist Fernweh.

Donnerstag, Januar 20, 2005

Warten auf Köhler

Ich sitze hier, schaue aus dem Fenster und blicke auf die Uht. In ungefähr 30 Minuten beginnt im Berliner Reichstagsgebäude die Gedenkveranstaltung für die Opfer der Tsunamikatastrophe im Indischen Ozean. Der Präsident wird eine Rede halten und ich bin mal gespannt, wie er es machen wird. Wird es ihm gelingen dien Hinweis auf das Leid der Opfer und mit unserer eigenen Lebenswelt sinnvoll zu verknüpfen? Hier ein Vorschlag für eine Rede:

Herr Bundestagspräsident,
Herr Bundeskanzler,
Mitglieder des Bundesethikrates,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Asiaten,

Die Naturkatastrophe im Indischen Ozean ist eine wirklich globale Katastrophe gewesen, sie ist Mahnung und Lehre zugleich und steht symbolisch für die Lage der Menschheit am Beginn des 21 Jahrhunderts.

Das Schicksal der Ferienparadiese erfüllt uns - auch meine Frau und mich - mit Schrecken. Wo gestern noch Strandbars standen, sind heute Wüsten, die an brandenburgische Braunkohleabbaustätten erinnern.

Vor allem die Kinder müssen jetzt unser ganzes Mitgefühl haben. Konnten sie bisher durch körperliche Arbeit, das Tragen ein Koffers und körpernahe Dienstleistungen zum Familieneinkommen beitragen, so sind jetzt oft nicht nur die Kunden, sondern auch die Familien verschwunden. Deswegen müssen jetzt Schulen gebaut werden. Mit seinem dreigliedrigen Schulsystem, hat Deutschland ein exportfähiges Modell im Angebot, das den traditionellen Gesellschaftshierarchien in Asien entspricht. Dies können und wollen wir anbieten.

Meine Damen und Herren,

Wenn ich in der hundertsten Wiederholung die Bilder der am Strand stehenden Menschen betrachte, welche die Welle auf sich zukommen sehen, dann wird mir wieder klar: Stehen bleiben ist keine Option.

Auch nicht für unser Land. Diejenigen die gerannt sind, die höher wollten und kamen, haben überlebt, die anderen wurden von einer unglaublichen Macht weggewischt. Aber Deutschland ist auf dem richtigen Weg. Wenn die Reformpolitik konsequent fortgeführt wird, dann werden wir die sichere Palmspitze erreichen.

Deutschland muß ein Tsunami der Ideen werden.

Ich danke Ihnen."

Mit freundlichen Grüßen aus der Tui-Stadt.

Dienstag, Januar 18, 2005

Christian Wulff wird nicht Bundeskanzler

Ich frage mich seit Tagen, was den Ministerpräsidenten dazu geritten hat, eine Kampagne gegen die Zahlungen von Volkswagen an Abgeordnete des niedersächsichen Landtags zu starten. Gut, zunächst einmal traf es keinen falschen: Ingolf Viereck ist der Lupo der SPD Fraktion, der Drei Liter Abgeordnete der keiner wegweisenden an ihm vorbei getroffenen Entscheidung je im Weg gestanden hat. Wenn man sich die Kette seiner politischen Nicht-Erfolge so anschaut, so meint man er habe tatsächlich eher in der lokalen Sportförderung VWs gearbeitet. In beiden Tätigkeitsfeldern war er wohl mittendrin und doch nur dabei.

Dennoch hat Wulff ein wesentliches Naturgesetz niedersächsischer Politik nicht beachtet: Finger weg von Volkswagen Skandalen! Seit der Gründung des Bundeslandes ist das KdF Unternehmen eine Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln. Nun gut, vielleicht ist auch Niedersachsen die Fortsetzung von VW mit anderen Mitteln: Sei's drum, wer diese Büchse der Pandora öffnet trifft muß irgendwann auf die Regierung Albrecht stoßen. Und so kam es dann ja auch. Hasselmann rotiert im Grab.

Hat denn wirklich jemand geglaubt die Regierung Albrecht, in moralischen Dingen etwas lockerer, hätte sich so eine Einnahmequelle entgehen lassen? Im Ernst, hat Christian Wulff wirklich vergessen, wer seine Vorgänger waren? Albrecht, der das Land ein Jagdschloß anschaffen ließ und im Saupark Springe die letzten geschützen Mufflons abschoß? Oder sein Fianzminister Walter Leisler-Kiep, der später mit Koffern voller Bargeld in der Schweiz aufflog, oder überhaupt eine Regierung die in Celle ihre eigene Justizvollzugsanstalt in die Luft sprengen ließ, um es der RAF anzuhängen? And last not least: Birgit Breuel, die später die Treuhand und die Expo in Grund und Boden wirtschaftete.

Ich glaube, daß Walter Hirche nichts von der VW Richtlinie gewußt hat. Er hat ohnehin nie irgendwas gewußt. Aber das Birgit Breuel im Aufsichtsrat nicht informiert war, das würde mich überraschen. Das wäre ihr nicht passiert.

Jetzt stehen alle vor den Scherben ihrer moralischen Überlegenheit. Die SPD schlaff und hilflos, moralisch und politisch verkommen bis zur Unkenntlichkeit und die CDU Landesregierung, deren eigene konservative Vorgänger die politische Verantwortung für Wolfsburgs Landschaftspflege tragen. Hätte Albrecht gewollt, hätte er den MP über seine Tochter warnen lassen. Aber Ursula von der Leyen und auch Birgit Breuel schweigen beharrlich.

Wenn Wulff klug ist, schaut er von jetzt ab lieber politisch nach vorn. Er sollte aber genau aufpassen, wer nicht alles mit politischen Dolchen hinter ihm lauert. Bis her hat er Fortune gehabt, an Talent hat es ihm immer gemangelt. Im Leineschloß beginnt die Tristesse der Ebene.

Montag, Januar 17, 2005

Mosi und Mordio

RM ist tot. Erdrosselt - "and not in a good way" möchte ich hinzufügen - von einem irakischen Gelegenheitsstricher im Streit um profanes Geld: Er hatte im wahrsten sinne am falschen Ende gespart.

Fragen bleiben offen: Warum hat der Exil-Iraker nicht einfach Informationen über ein Rüstungsprogramm an den BND verkauft? Warum waren Moshammers Moden so schrecklich? Teilt er jetzt ein halbes oder ein viertel - Versace Schicksal? Und wird Daisy bei einer Beerdigung im ägyptischen Stil ausgeweidet und mit dem Herrchen ausgesetzt?

Vor allem jedoch: Ein Blick in Gayromes Escort Community verrät das die Preise auch in München nicht aus dem Rahmen fallen: 150€ pro Stunde und 350€ pro Nacht. Damit ist man dann schon gut bedient. Was also bekommt man für 2000€ und warum begibt man sich als Super Schickeria Tucke auf den Bahnhofsstrich, wenn man alles so bequem nach Hause ordern kann? 2000 Euro sind mehr als ein Hartz IV Empfänger im Jahr hinzuverdienen darf. Ich denke man kann sich ausmalen, daß es um mehr als einen Ein Euro Blowjob ging.

Hmmm. Ehrlich gesagt, will ich mir das nicht en detail vorstellen, nur halte ich den Kommentar auch in der NP, eine einsame Seele habe "köperliche Nähe" gesucht für eine doch freundliche Umschreibung für jemanden der mit Armutsprostituierten den Kick gewollt zu haben scheint. Ich würde vorschlagen, daß man die Bildüberschrift "Der perverse Mosi Mörder" in "Der Mörder des perversen Mosi" umstellt.

Was Daisy angeht, so ist sie mir egal, dem Land aber nicht. Jetzt, wo die Fultopfer endlich aus dem kollektiven Gedächtnis gespült worden sind würde mich aber einer ZDF Gala für das Tier nicht überraschen. Spenden bis der Arzt kommt ist das neue Hobby dieses verarmenden Landes. Ich nehme die ägyptische Variante zurück: Man kann Daisy einfach in ein goldenes Laufrad setzen und aus ihr ein Mode Mosi Mahnmal machen. Dann bekommt wenigstens München eine Topographie des Terrors.

Montag, November 29, 2004

Bayern kann auch anders

Hier kommt mein neues Lieblingszitat. Es hat mir die Woche gerettet und das war wirklich schwer.
Ludwig Stiegler, stv. Fraktionsvorsitzender der SPD zu den Vorschlägen von Müntefehring und Stoiber, Einwanderer sollten einen Eid auf die Verfassung ablegen [link]:

"Was man vom Eid auf das Grundgesetz halten kann, sieht man bei Helmut Kohl."

Treffer. Versenkt.

Dienstag, November 23, 2004

Schade Oskar, alles ist vorbei, alles ist vorbei... Schallala...

Ich habe 11 Jahre meines Lebens in der SPD verbracht. Die meiste Zeit davon in innerer Opposition. Eigentlich hat es nur 2 Tage gegeben, an denen ich gerne Sozialdemokrat war. Der erste war die Nacht des 27. September 1998, der Tag der Bundestagswahl. Das erste mal war ich auf einer SPD Wahlparty und dann um 18:00 Uhr war klar: Kohl ist weg. Was habe ich mich frei gefühlt. Nun gut, ich war jung und betrunken. Und ich erinnere mich auch an nicht mehr viel sonst, außer daß irgendwann der Geyer Sturzflug Song: "Eins kann uns keiner nehmen, und das ist die pure Lust am Leben..." kam. Damals war mir noch nicht was für ein passendes Motto dies eigentlich für die Jahre und Schröder gewesen wär. Andererseits, wirklich viel Lust ist auch nicht mehr da. Und das verflixte 7. Jahr kommt erst noch! Wird hans Eichel Schleswig wieder an die Dänen verkaufen? Wir werden sehen.

Der andere gute Tag war als Rudolf Scharping in Mannheim weggeputscht wurde. Nicht durch eine Intrige, sondern durch einen spontanen Volksaufstand. Die Sozialdemokraten haben noch nie eine Vorsitzenden abgewählt. Gestürzt schon, aber noch nie abgewählt. Sie haben mit zwei-drittel Mehrheit erst noch die Geschäftsordnung geändert und dann - zack - weg mit Rudi. Der hat das all die Jahre nie verstanden bis er im Pool unterging. Ich habe ein Rudolf Scharping Autogramm: Es ist auf dem Deckblatt einer Reclam Ausgabe von Molières "Der eingebildete Kranke". Auch dies irgendwie passend.

Als Bernd Telm, Delegierter des Unterbezirks Helmstedt und Chef der Zählkommission 1, das Ergebnis verkündete (und er war später immer sehr stolz darauf - ich denke, er wußte, mehr würde er im Leben nicht erreichen), war Oskar Lafontaine Parteivorsitzender. Oskar, der Held meiner politischen Kindheit, der denken und sprechen konnte. Als die weiße Frau ihn mit dem Messer attackierte habe ich vor dem Radio gewartet, ob er überlebt. Er hatte große Reden gehalten und er hatte Recht bei der Einheit gehabt. Man darf das nie vergessen: 1990 war die BRD reif für Lafontaine-Fischer. Dann kamen 16 Millionen Konservative hinzu. Vorbei, vergessen, fragt Horst Köhler wie es dazu kam, er war der Finanzstaatssekretär.

Oskar hat sich bis 1999 gut gehalten und ist dann aus dem Amt gemobbt worden. Er ging beleidigt ab und hinter ihm konnte die kleine Linke in der SPD, die er sich zur Zierde gehalten hatte abgeschliffen werden. Andrea Nahles wartet bis heute darauf, wieder in den Bundestag zu kommen. Sie macht jetzt die Bürgerversicherung für die SPD, weswegen man sich sicher sein kann, daß diese nicht kommt.

Sei's drum. Oskar diskutiert gerade aud N3 mit Kubicki, dem FDP Chef von Schleswig-Holstein, der eine etwas dubiose Vergangenheit im Zusammenhang mit Müllkippen in Mecklenburg hat. Es geht um den Fall Daschler.

Oskar Lafontaine hat gerade gesagt, natürlich dürfe der Staat foltern, wenn es um das Leben eines Kindes ginge, im Zweifel bis zum Tod des Beschuldigten. Das sei alles wie Notwehr. Wie bitte, Oskar? Foltern für Kinder?

Wo leben wir denn. Natürlich ist die erste Reaktion aller mitfühlenden Menschen, daß alles, aber auch wirklich alles für die Kinder getan werden muß, die entführt werden. Und das ist genau der Grund, warum alle Angehörigen und mitfühlenden Menschen im Strafrecht und der Polizei nichts zu suchen haben. Aber so tief kann man fallen. Vom Vorzeigelinken, gegen den die Wirtschaftspresse Londons mobilmachte zum Provinzpopulisten mit dem schalen Geschmack verdorbenen saarländischen Weins. Weltökonom und Folterknecht: Er hat die Globalisierung falsch gedeutet.

Oskar - bitte merk es dir - die Polizei ist nicht die SPD. Ihr sind Grenzen des Blödsinns gesetzt.

Gute Nacht.

Montag, November 22, 2004

Gut, daß wir nicht in Bayern sind

München hat gewählt: Mit 50,9 Prozent der Stimmen haben sich die Bürgerinnen und Bürger der bayrischen Landehauptstadt dafür entschieden, daß kein neues Haus höher als 100m sein darf und somit die Frauenkirche nicht überragen darf. Damit verpaßten sie nicht nur allen im Rat vertretenen Parteien, sondern auch den potentiellen Bauherren, vor allem der Süddeutschen Zeitung, eine schallende Ohrfeige.

Dies ist ein Grund zu ungeteilter Freude: Zum einen hat es die Süddeutsche mal so richtig verdient. Nach der Einstellung der Jetzt-Jugendbeilage, dem Niedergang des SZ-Magazins zu einem mittelmäßigen Modejournal und der Aufblähung des Golf-Beilage, wäre die Errichtung eines Hochhause für diese Zeitung ein Hohn gewesen. Wenn, dann gehört diese Zeitung in eine Tiefgarage. Ich habe meinen Beitrag zum Konkurs meiner ehemaligen Lieblingszeitung geleistet: Ich habe heute endgültig mein ABO gekündigt, "adding injury to insult".

Zum anderen frage ich mich, ob wir nicht auch in Hannover ein paar Referenden gebrauchen könnten. Hier meine Vorschläge:

1. Kein Wohn- und Einkaufskomplex darf eine weniger großen Betonanteil haben als das Ihmezentrum.

2. Kein Hotel darf eine offenere Fassade haben als der Maritim-Bunker.

3. Keine unterirdische Passage darf breiter sein als die Passarelle.

4. Für die Architekten des Kröpke Centers wird die Todesstrafe wiedereingeführt. Im Zweifel auch posthum.

Noch ein Tip für alle Retro-Freunde. Mein neues Lieblings Café ist der Tschibo Laden am Raschplatz. Unten in der engen Passage die vom Hauptbahnhof Richtung Zaza führt. Gleich neben dem Antiquariat und dem Gothik-Modeladen: Es ist ein Tempel der 80ger!

Echte Stoffteppichtapeten und mit der Ladentheke ein Gesamtkunstwerk, wie man sich eine Kaffeeladen in einer Untergrundpassage vorstellt. Das Verwöhnaroma in Holz und Plastik. Keine Spur von Latte Macchiato, oder Milchkaffee: Da trinken die Untoten nachts noch Mokka.

Also hingehen, Streuselkuchen essen und von der Kindheit in Zeiten der Kohl-Ära träumen. Damals, als es Kaffee noch Kaffee, und Opel noch einen Rekord hatte und man Menschen noch daran unterscheiden konnte, ob sie für Michael Stich oder Boris Becker waren.

Eine schöne Woche!

Freitag, November 19, 2004

Ach Per....

Per Mertesacker ist ein großer Fußballer und nein, dies ist nicht allein eine weitere der gern gemachten Anspielungen auf seine 1,96m. Er ist ein fantastischer Abwehrspieler, der im Länderspiel gegen Kamerun 88 Prozent seiner Zweikämpfe gewann. Dies lag nicht allein daran, daß Kamerun eine ähnliche Geschlossenheit wie die Europäische Union in der Außen- und Sicherheitspolitik aufwies. Es lag vor allem an einem vorausschauende Spiel, einer guten Übersicht und hohen Geschwindigkeit. Manche sprechen von Abgeklärtheit, ich würde sagen, etwas anderes war von jemanden, der seine Kindheit in Pattensen verlebt hat, nicht zu erwarten. Gebt uns eins, zwei, viele Pattensen und die WM 2006 ist kein Problem mehr.

Pers Qualität wird mittlerweile bundesweit medial gewürdigt. Da die Medienmenschen glauben, unser einer wäre vor allem an der menschlichen Seite von Stars interessiert - und da haben sie recht - gibt es lustige Fragebögen. Und so einen mußte nun auch Mertesacker ausfüllen. Fragebögen können einen zur Legende machen. Rudolf Augstein, zum Beispiel: gut, die Verhaftung machte ihn populär genug, aber würde sich wirklich jemand eines einzigen seiner Essays erinnern (100 mal Hitler, 50 mal Stalin und je 20 mal Brandt und Kohl)? Wohl nicht. Aber Augsteins Antwort auf die Frage "Was halten Sie für die bedeutenste militärische Leistung der Geschichte?" "Meinen Rückzug aus der Ukraine", ist zeitlos.

Per bekam seinen Fragebogen leider nicht von der FAZ, sondern vom Kicker. Da mittlerweile auch Akademiker Kicker lesen, lautet eine der Fragen "Wen hälst du für die bedeutenste Person der Zeitgeschichte?". Und dann die Antwort "Konrad Adenauer".

Konrad Adenauer ??? Im Ernst? Stellt den Geschichtsunterricht in unseren Schulen ein! Sofort! Ausgerechnet Adenauer? Den Konni aus Köln, der Deutschland semi-autoritär charmant Schuld vergessen ließ? Dessen Wirtschafswunder Ehrhardts war und der Globke wieder berief? Wer etwas zu Adenauer wissen will, frage am besten bei der FDP an: Die hat ihn gestürzt, damals, als sie noch eine liberale Partei war.

Hier daher ein paar Vorschläge für Bundesligaspieler:

1. Nelson Mandela: Konnte in 37 Jahren im Gefängnis nichts falsch machen und überwandt die Apartheid. Als Präsident Südafrikas Identifikationsfigur für einen ganzen Kontinent und alle solidarischen Menschen drüber hinaus. Engagiert sich gegen AIDS und Friedensnobelpreistrager. Minus-Punkt: Gönnte uns die WM 2006 nicht.

2. Vaclav Havel: Revolutionär, Dichter und Präsident Tschechiens. Schrieb mittelmäßige Lyrik aber hatte ein wunderbares Herz. Gewann alle Wahlen zu dene er antrat und machte die Tschechische Republik zu etwas besonderem. Minus-Punkt: Raucher.

3. Herbert Schmalstieg: War immer schon Bürgermeister von Hannover und wird es immer bleiben. Warum er nie in seiner Partei Karriere machte, weiß keiner, aber er hat Niki de St.Phalle davon überzeugt, daß Hannover eine Kultur liebende Stadt ist - was nicht stimmt - und Hannover davon, das Niki eine Weltkünstlerin ist - was auch nicht stimmt.

Also Per, wenn alles gut weiterläuft, werden wir dich 2006 auch auf einer Liste der wichtigsten Deutschen sehen. Wenn das ZDF mal wieder einen Superdeutschen sucht. Ich würde es dir wünschen. Aber vergiß den rhöndorfer Rosenkanzler. Der Alte mochte keinen Fußball, er spielte Bocchia, das ist ungefär so wie die Taktik von Ribbeck.

Und die Zeiten sind ja nun endgültig vorbei.

Dienstag, November 16, 2004

Karl Lagerfeld? Ich bitte Euch!

Der Sommer- und der Winterschlußverkauf ist abgeschafft. Einzig als mediales Ereignis wird er uns noch erhalten bleiben - wenigstens denjenigen von uns, die gerne die "Tagesschau vor 20 Jahren" im WDR schauen. Die Bilder aus den 80gern sind immer die gleichen: Die Kamera ist von innen auf die Glastüren eines Horten-Hauses gerichtet. Draußen die Meute. Drinnen ein Mann im Anzug der mit zitternden Beinen auf die Türen zugeht und sie öffnet. Danach eine Szenerie, die der "Levée en masse" der französischen Revolution nahe kommt. Der arme Mann ist nicht mehr zu sehen, aber dicke Frauen kämpfen am Schlüpferstand um die letzten Unterwäsche. Das alles angestrahlt von einem häßlichen Neonlicht. Ich empfehle jedem sich das in den nächsten 18 Jahren mal anzusehen um dann wie ich zu dem Schluß gekommen, daß mit der Abschaffung nichts, aber auch gar nichts verloren wurde, was es wert gewesen wäre zu erhalten.

In 20 Jahren von heute werden die Kinder der Heterosexuellen von uns, bzw. die der Schwulen und Lesben mit Mut und Adoptionsrecht, dann leider andere Bilder sehen. Und ja, es wird auch nach dem 3.Weltkrieg noch den WDR geben. Also: Sie werden junge, hübsche Menschen sehen, die ihre Nasenpiercings gegen die H&M Türen pressen. Sie werden sehen, wie sie sich die Generation ihrer Eltern die Photohandys um die Ohren schlägt. Sie werden zwar nicht mehr wissen, was Puma und Adidas waren, aber ich denke sie werden die Bedeutung verstehen: Es ist unglaublich peinlich anzusehen. Wenn es das Wort noch gibt, werden sie wegzappen aus Scham für Mama und Papa.

Diejenigen die dann dran bleiben werden, werden auf eine komische abgemagerte tuckige Figur mit Fächer sehen, die abwechselnd mit zeitlos schlecht designten T-Shirts gezeigt wird. Das war der Karl L. und man wird Ihnen das Phänomen nicht mehr erklären können. Vielleicht kann man mit ihnen zum "Wetten dass"-Mahnmal in Mainz fahren und im Raum der Stille für die schlimmsten häufigsten Gäste, eine Statur zeigen, die Karl Lagerfeld noch mit Körper zeigt. Bis dahin werden sie sich fragen, warum zum Teufel ein Reihe überteuerter Klamotten in einem Moderamschladen zu so viel Hysterie führen konnte.

Vielleicht werde auch in in 20 Jahren darauf eine Antwort haben. Bis dahin gehe ich zu Esprit.


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